Zum Kapitel der „Unfallneurosen“

Abstract

1Jber das Thema ,,traumatische Neurosen" ist im Laufe der Zeit so viel geredet und geschrieben worden, dab man eigentlich jedes Neuanschneiden dieses nnerfreulichen Kapitels ~rztlicher Gutachtert~ttigkeit ffir unn6tig halten sollte. Die anerkanntesten Fachleute auf diesem Gebiet haben sich abgemiiht, auf Grund wissenschaltlich Iest fundierter Anschauungen Licht in die Kreise der mit Gutachterfragen beschXftigten 2~rzte zu bringen und darfiber hinaus Verst~ndnis ffir die Dinge in weiteren Arztekreisen zu wecken. Es ist eine Sysiphusarbeit bis zur schliel31icheli Auizeigung der kausalen ZusammenhXnge geleistet worden. Sehen wir uns dagegen die praktischen Auswirkungen an, die dieses eifrige Bemfihen gezeitigt hat, so kann man nur immer wieder s taunen darfiber, dab yon einem merkbaren Effekt noch anBerordentlich wenig zu sp~ren ist. Woran liegt das? -Es ist bier so wie allenthalben: man hat es zu einem theoretisch-wissenschaftlichen AbschluB gebracht, trent sich an der logisch-kausalen t(larheit, die man mit Genugtuung betrachtet, ohne daran zu denken, dab diese Anschauungen endlich mit allen zur Verffigung stehenden Mitteln energisch in die Tat fibersetzt werdeli mtissen. Von Tag zu Tag werden die Verh~ltnisse unerfreulicher stat t besser, und wer die Hoffnung einer baldigen restlosen praktischen Lhsung hegte, sieht sich bitter get~uscht. Die F~lle, in denen sich eine in jenes Gebiet faIlende I3egutachtung auf eine elegante und ffir beide Teile erfreuliche \u erledigt, sind noch so enorm selten, dab es sich beinahe verlohnt, sie zu publizieren. Schon seit Jahren hat sich die Lage der Dinge nut so unwesentlich ver~ndert, dab man schier an dem schliel31ichen Sieg ffir richtig erkannter Aiischauungen verzweifeln k6nnte. All die Rate eines NXGXLI, REICHARDT USW. sind ohne nennenswerten Widerhall in tier praktischen 0ffentlichkeit geblieben, und letzten Endes bleibt alles beim alten: Jeder Rentensfichtige behalf nicht nur nicht die ibm nicht zustehende Rente, sondern es gelingt ihm auch in einem recht betr~tchtlichen Prozentsatz der FXlle, seinem Wunsche gem~Ll3 zu einer nieht immer unwesentlichen Erh6hung zu kommen. Nach wie vor herrscht das grauenhafteste Durcheinander in der t3eurteilung. Der eine hat 3o%, der andere 5o~o; beide sind welter nichts wie Leute, die sich mit aller ihnen znr Verffigung stehenden Energie in den Rentenkampf sttirzen. Oder : ein technischer Angestellter, ttichtiger Arbeiter ulid pflichteifriger Mensch, genieBt 3o% ffir den Verlust eines Auges; ein krMtiger 3oj/~hriger Mensch dagegen ebenfalls ffir den Verlust des linken Auges 7o% und Invalidenrente, und zwar nur deshalb, well er fiber den Verlust hinaus fiber allgemein nervhse Beschwerden klagt nnd Zeit genug gehabt hat, sich seiner Rentenangelegenheit ganz anders zu widmen Ms sein arbeitswitliger Kollege. Andere erhalten 6o und 8o% ftir verhN~nism~Ll3ig unkomplizierte Schfisse, die die Funkt ion in nicht nennenswerter Weise beeintr~chtigt haben. Dagegen erh~lt der zielstrebige Arbeiter 40% ffir den Verlust eines Beines. Das ist gesetzlich festgelegt und damit basra. Daft sich da schtie~31ich tier, dem es nicht gelungen ist, auf solche Rentenh6hen zu klettern, zum mindesten fiber die eigenartige Art der Rentenzumessung wundern muB -dab durch diese ,,Verschiedenheiten" in der t3eurteilung eilie Unzufriedenheit in die Kreise der Rentengen6ssigen einzieht, die einmal zu recht unangenehmen Konsequenzen ft~hren khnnte, dfirfte nicht wegzuleugnen seili. Jedenfalls stehen wit heute so da, dab derjenige, der wirklich eine ernste Verletzung rnit nach Hause gebracht hat, unverh~tltnism~Big vim zu wenig bekommt gegenfiber demjenigeli, dem eine Rente fiberhaupt nicht zugemessen werden dfirfte. Solcher F~lle g i b t e s Legion, und ich selbst k6nnte deren zu Dutzenden anfz~hlen. Es fehlt also an einheitlichen Gesichtspunkten in der Beurteilung, eine Forderung, die REICHA~D~ schon vor Jahren erhoben hat, und zu deren Vetwirklichung AnsXtze bisher nur sp~irlich erfotgt sind. Genug der streng wissenschaftlichen Er6rterungen einer unter den N~igeln brennenden sozialen Frage, die nach praktischer L6sung schreit. Denken wir an das Wort eines Schweizer Begutachters, der die, wenn auch vielleicht iibertriebene, so doch im Prinzip richtige Bemerkung machte, Deutschland habe den Krieg dutch seine tiberspannte Sozialversicherung verloren. Wie die Verh/iltnisse jetzt liegen, werden wir noch ungez~hlte Summen yon nnserem kleinen Nationalverm6gen verschleudern, Summen, die wahrlich besser angewendet werden k6nnen. Um zu in der Praxis brauchbaren Richtlinien in der Beurteilung und Handhabung dieser Fragen zu kommen, miissen die Sch~den, die der jetzigen Lage anhaften, rficksichtslos aufgezeigt werden. Da w~ren eingangs die Versorgungs/~mter, die sich zu einer psychologischen und lebensnahen Betrachtungsweise noch nicht haben aufschwingen k6nnen, einer IZritik zu unterziehen. Bei den Versorgungs~mtern wird der Faden geknfipft, der sich dann ins Unendliche fortspinnt. Kein Wunder! Man hat, um die S~tze der Gebfihrenordnun.g, zu sparen, zu dem Mitre1 gegriffen, in der PraMs thtige Arzte als Vertrags/~rzte ffir eineu jeweils zu bestimmenden Honorarsatz anzustellen. Diese Gutachter fibernehmen daffir die Verpflichtung, eine bestimmte Anzahl Gutachten in einer best immten Zeiteinheit zu erledigeli. Folge: Die Gutachten werden in einem Minimum yon Zeit erledigt, ohne dab fiberhaupt die M6glichkeit besteht, der betreffenden Beh6rde oder dem Richter komplizierte psychische Zusammenhhnge in genfigender Klarheit darlegen zu k6nnen. Zu einem Gutachten geh6rt eben Zeit, und diese Zeit hat der beschMtigte Arzt nicht tibrig. Das Urteil ist also oft genug verwhssert, unklar, nicht eindeutig, Nun, das wttrde an sich noch nicht schaden. Auf die yon den Gutachtern der Versorgungs~mter ausgestellten Gutachteli folgt bei der in Rede stehenden Kategorie yon Untersuchten mit absoluter Sicherheit die Beruiung, und der zu Untersuehende gelaligt an eine Stelle, die Unterlassungen oder Zweideutigkeiten immer noch ausmerzen kann. Aber -und da liegt der Haken: der Praktiker wird in den meisten Fhllen aliders urteilen, als es ein yon der PraMs unabh~ngiger Begutachter zu tun in der Lage ist. Warum? Weil eben der Praktiker neben der Gutachter• noch seine weitl~ufige Praxis auszutiben hat. Hand aufs Herz: Sollte nicht doch die T~tigkeit eines Praktikers an einem Versorgungsamt notwendigerweise gewisse Sch~tden zeitigen? Sind nicht ein GroBteil der F~lle, die er zu begutachten hat, Pat ienten seiner ~21ientel? Und sollte nicht aus diesem Grunde in der Handhabung der Beurteilung ein ach nut allzu milder und nicht ganz objektiver MM3stab angeleg~c werden? Dabei ist doch zu berficksichtigen, dab der Praktiker manche der zu Begutachtenden zu sich in die Sprechstnnde bestellt. Der Rentensfichtige greift nun zu dem Trick, nach Erhal t der Mitteilung, sich bei dem Arzt zur Untersuchung einzufinden, vorher als Privatpat ient oder auch auf Kosten der Reichsversorgung bei dem Arzt vorzusprechen, um ant diese Weise das spXter folgende gutachtIiche Urteil Iiir sich wohlwollender zu gestalten, was ihm in den meisten F~llen gelingen dfirfte. Diese M6glichkeit fibersehen die Beh6rden nur allzuoft, sie fibersehen es deshalb, weil bei dieser recht bfirokratischen Methode auf dem Papier eine Kostenersparnis herauskommt, die mit den tats~chlichen Verh~ltnissen nicht fibereinstilnmt. Durch die Verzhgerung und die unn6tige Verschleppung des Verfahrens entstehen mehr Kosten, als dutch die Anstellung yon Vertragsgutachtern vermeintlich erspart ~ r d . Eine weitere Mil31ichkeit liegt in den Angaben betreffend die Erwerbsminderung. Wenn es sich um den Verlust eines Armes, eines Auges, oder um eine Verletzung, die bestimmte somatische Ausfallserscheinungen zur Folge hat, handelt, so hat der Begutachter an Hand des Gesetzes feste Leits~tze, die ihm die M6glichkeit einer einigermal3en genauen Sch~tzung geben. Wenn es sich aber um solche Dinge dreht, mit denen es der Psychopathologe zu tun hat, so ist es oft unverst~tndlich, wie man ftir Ausf~lle der Willenssph/~re, ffir Abwegig-

DOI: 10.1007/BF01718531

Cite this paper

@article{Kaldewey2005ZumKD, title={Zum Kapitel der „Unfallneurosen“}, author={Dr. Walther Kaldewey}, journal={Klinische Wochenschrift}, year={2005}, volume={6}, pages={1475-1476} }