Vorsicht, Unfallgefahr!

Abstract

Unfälle in aller Munde. Der schwere Skiunfall von Rennfahrer Michael Schumacher am 29.12.2013 lenkte die Aufmerksamkeit der Medien und damit auch den Fokus der Bevölkerung auf diesen wichtigen Bereich von Public Health. In der Presse, im Radio und Fernsehen wurde über den möglichen Unfallverlauf und die Ursachen spekuliert, das Thema Schutzkleidung wurde diskutiert, und über die Unfallfolgen, über Verletzungen und längerfristige Beeinträchtigungen wurde berichtet. Während die gesundheitlichen Folgen des Sturzes für den ehemaligen Profisportler Schumacher noch nicht absehbar sind, ist das mediale Interesse nahezu verebbt. Schaut man sich die Zahlen zum Unfallgeschehen in Deutschland an, wird allerdings schnell klar, dass Unfallverletzungen weit mehr und vor allem kontinuierlicher Aufmerksamkeit bedürfen. Unfallverletzungen stellen in Deutschland – und auch weltweit – ein großes Gesundheitsproblem dar. Zum einen ist es die erhebliche Krankheitslast, die durch Unfallverletzungen entsteht. Über 20.400 Personen starben im Jahr 2011 aufgrund von Unfällen, es gab geschätzt über 8,7 Mio. Unfallverletzte in Deutschland. Mehr als jeder zehnte Tag mit Arbeitsunfähigkeit entsteht verletzungsbedingt. Auch die Kosten sind erheblich: Auf etwa 5 % wird der Kostenanteil von Verletzungen an allen Krankheitskosten geschätzt. Und hinter diesen Zahlen steht das persönliche Leid der Betroffenen und ihrer Familien, insbesondere wenn der Unfall längerfristige gesundheitliche Beeinträchtigungen nach sich zieht. Das Thema Unfallverletzungen ist auch deshalb von besonderem Interesse für Public Health, weil die Unfallforschung davon ausgeht, dass ein großer Teil der tödlichen und der nicht-tödlichen Unfälle vermeidbar ist. Basis für einen effektiven Schutz vor Unfällen ist die Kenntnis über Unfallschwerpunkte und -mechanismen. Das wird beispielsweise im Bereich des Arbeitsschutzes seit Jahren erfolgreich praktiziert. Obwohl einige Eckdaten zum Unfallgeschehen in Deutschland bekannt sind, ist das Thema, insbesondere hinsichtlich nicht-tödlicher Unfallverletzungen, nicht gut aufgearbeitet. Die meisten Unfälle passieren zu Hause oder in der Freizeit, aber gerade für diese Bereiche gibt es – wie auch für das Unfallgeschehen insgesamt – in Deutschland keine offiziellen Statistiken. Ausgewählte Bereiche, wie z. B. Verkehrsunfälle und Arbeitsunfälle, werden hingegen detailliert erfasst und sind gut dokumentiert. Entsprechend der bearbeiteten Themen zerfällt die Forschungslandschaft beim Thema Unfälle und Verletzungen in Teilbereiche, die selten miteinander in Austausch treten. Bei den Kostenträgern stehen, bedingt durch die verschiedenen Versicherungszweige, meist entweder Arbeitsoder Verkehrsunfälle im Mittelpunkt. Die Ärzteschaft richtet ihren Blick stärker auf die Versorgung von Verletzungen als Folgen von Unfällen und Gewalt. Akteure wie das Robert Koch-Institut nehmen eher eine übergreifende Perspektive ein. Ziel des vorliegenden Schwerpunktheftes ist es deshalb, die verschiedenen Blickwinkel zu vereinen und die verfügbaren Datenquellen und Forschungsergebnisse zum Unfallgeschehen und seinen Folgen zusammenzuführen. Expertinnen und Experten aus den Bereichen Public Health, Medizin, Pflege, Sport, Psychologie, Prävention, aus dem Versicherungssektor und aus der Forschung kommen zu Wort. Ebenso vielfältig sind die Zielgruppen, für die das Heft einen guten Einstieg in das Thema oder neue Erkenntnisse für das eigene Interessengebiet liefern soll. Vor diesem Hintergrund umfasst das Schwerpunktheft die folgenden Beiträge: Die ersten beiden Artikel von Herrn Varnaccia und Kollegen geben einen Überblick über die Epidemiologie von Unfällen und Unfallverletzungen in Deutschland. Der erste Beitrag widmet sich dem Unfallgeschehen bei Erwachsenen. In einer bevölkerungsbezogenen Gesundheitsstudie („Gesundheit in Deutschland aktuell 2010“) mit über 22.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern hat das Robert Koch-Institut im Jahr 2010 umfassende Daten zu nicht-tödlichen Unfallverletzungen erfasst. Danach erlitt etwa jeder Zwölfte innerhalb eines Jahres eine Verletzung, die ärztlich behandelt wurde. Insbesondere junge Männer verunfallen überdurchschnittlich häufig. Die 19 Fragen des „Unfallmoduls“ wurden von allen verunfallten Personen beantwortet und ermöglichen detaillierte Aussagen zum Unfallgeschehen, die im Artikel dargestellt werden. Der zweite Artikel beleuchtet das Unfallgeschehen bei Kindern und Jugendlichen. Hierzu werden neben einer bevölkerungsbezogenen Erhebung des Robert Koch-Instituts (Kinderund Jugendgesundheitssurvey 2003– 06) auch die Daten der Schülerunfallversicherung (Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung) herangezogen. Angaben aus der amtlichen Statistik zu Verkehrsunfällen, Krankenhausdiagnosen und Todesursachen ergänzen das Bild. Damit gibt der Artikel zunächst einen Überblick über Datenquellen und deren Potenzial. Außerdem werden Prävalenzen und Ergebnisse für einzelne Unfallorte berichtet. Kinder und Jugendliche sind demnach noch häufiger als Erwachsene von Unfällen betroffen. Jedes siebte Kind erleidet innerhalb eines Jahres einen Unfall der ärztlich behandelt wird. Im Alter von 1 bis 17 Jahren sind Unfälle die häufigste Todesursache. Die SchülerunfallstatisA.-C. Saß · A. Rommel

DOI: 10.1007/s00103-014-1981-9

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@article{Sa2014VorsichtU, title={Vorsicht, Unfallgefahr!}, author={Dr. Anke-Christine Sa\ss and Alexander Rommel}, journal={Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz}, year={2014}, volume={57}, pages={601-603} }