Vom Nutzen des Schmerzes

Abstract

„Der Schmerz ist durchdringend“, schreibt Thomas Mann, „er enthält ein entehrendes Element ... und bedeutet eine solche Erschütterung des Nervensystems, dass er den Atem verschlägt und einem erwachsenen Manne bittere Tränen entpressen kann.“1 Seine „Achtlosigkeit gegen unsere Wertordnung“ steigere seinen Zugriff, so Ernst Jünger.2 Ernst Bloch konstatiert: „Krankes gehört nicht zu uns, ja, es ist etwas schändlich daran, es ist von der Art eines Alps, über Nacht muss es verschwinden ... Der schmerzende Zahn soll weg, selbst ein krankes Glied soll weg, da gibt es eine selber wieder kranke Lust des Abschüttelns. Wie bei einem geilen Weib, das sich am liebsten noch die Haut ausziehen möchte ... Der Kranke hat so nicht das Gefühl, dass ihm etwas fehlt, sondern dass er etwas zu viel hat. Das Unbehagen soll als ein Herumhängendes, Überflüssiges weg, Schmerz ist wildes Fleisch. Vom Leib wird geträumt, der wieder auch behaglich zu schweigen weiß.“3 Hat der unter Schmerzen Kranke demnach das Gefühl, dass er etwas zu viel hat, ließe sich im Umkehrschluss fragen: So er, der Kranke, denn gesundet, den Schmerz losgeworden ist: Fehlt ihm dann möglicherweise irgendetwas? Ein Leben ohne Schmerz: Wäre es ein Geschenk – oder etwa eine dauerhafte Entbehrung? Reine Lust oder unerträgliche Last?

DOI: 10.1007/s00482-014-1411-9

Cite this paper

@article{Wedler2014VomND, title={Vom Nutzen des Schmerzes}, author={Prof. Dr. med. Hans Ludwig Wedler}, journal={Der Schmerz}, year={2014}, volume={28}, pages={188-190} }