Tötung und Tötungsversuche eigener Kinder durch psychotische Mütter

  • Lenore Zumpe
  • Published 2004 in Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten

Abstract

Mit der Krankengeschichte einer 22jährigen Frau, die in einer endogenen Depression ihre 9 Monate alte Tochter getötet hatte, werden die Hintergründe der seltenen Tötungsdelikte Depressiver erörtert. Es handelt sich in der Regel um einen ursprünglich als erweiterten Selbstmord angelegten „indirekten“ oder „symbolischen“ Selbstmord. Der Kranke tötet seine liebsten Angehörigen, um sie vor dem als unerträglich empfundenen Leben zu schützen („Mitleidsmotiv“). Er reagiert dadurch unter Umständen die Selbstvernichtungstendenzen so weit ab, daß der geplante Selbstmord unterbleibt. Es handelt sich überwiegend um Frauen, die ihre eigenen, oft noch kleinen Kinder töten. Die besonders enge Bindung zwischen Mutter und Kleinkind erleichtert die dem „symbolischen Selbstmord“ zugrundeliegende Identifikation, die zur Projektion eigener Not und eigener Selbstmordtendenz auf das Kind führt. Auch bei den zum Vergleich herangezogenen erweiterten Selbstmordversuchen zweier schizophrener Mütter und einer reaktiv Depressiven waren derartige Identifikationsund Projektionsvorgänge sowie das Mitleidsmotiv erkennbar. Die Identifikation von Mutter und Kleinkind wurzelt also in so tiefen Schichten, daß sie durch Einflüsse von Krankheit und Motiv nicht tangiert wird, es sei denn, das Kind werde im psychotischen Extremfall als „Bedroher“ erlebt. Auf die aus dieser psychologischen Konstellation hervorgehende Gefährdung besonders der Kleinkinder sowohl depressiver wie schizophrener Mütter wird aufmerksam gemacht.

DOI: 10.1007/BF00343268

Cite this paper

@article{Zumpe2004TtungUT, title={T{\"{o}tung und T{\"{o}tungsversuche eigener Kinder durch psychotische M{\"{u}tter}, author={Lenore Zumpe}, journal={Archiv f{\"{u}r Psychiatrie und Nervenkrankheiten}, year={2004}, volume={208}, pages={198-208} }