[More physical activity: pedometers for our patients].

Abstract

Korrespondenzadresse Prof. Dr. Johannes Kornhuber Psychiatrische und Psychotherapeutische Klinik, Universitätsklinikum Erlangen Schwabachanlage 6 91054 Erlangen johannes.kornhuber@uk-erlangen.de Körperliche Aktivität hat bekanntermaßen breite gesundheitsfördernde Wirkungen; aus psychiatrischer Sicht sind die antidepressiven [10, 11] und demenzpräventiven Effekte [8, 16] hervorzuheben. Es ist jedoch schwierig, lang anhaltende Verhaltensänderungen bei körperlich inaktiven Personen zu induzieren. Die Bewegungstherapie wird typischerweise nach der Entlassung aus stationärer psychiatrischer Behandlung nicht weitergeführt. Dies liegt aber auch an den betreuenden Ärzten, die sich nicht immer um die ambulanteWeiterführung der stationären Anwendungen kümmern. Eine Lösung dieses Problems kann in niederschwelligen, motivierenden und breit verfügbaren Angeboten wie Schrittzählern bestehen. Schrittzähler sind Geräte in Streichholzschachtelgröße, die mit unterschiedlichen Techniken [1] die Anzahl der Schritte erfassen und rückmelden. Schrittzählern haben vielfältige Vorteile: Sie sind klein und preiswert (keine teure Kleidung oder Ausrüstung erforderlich; keine teuren Mitgliedsbeiträge in Vereinen oder Verträge in Fitnessstudios). Die Anwendung von Schrittzählern ist wenig aufwendig (keine Anfahrtswege zur Sporthalle, Fitnessstudio oder Tennisplatz; kein Erlernen neuer Fertigkeiten; die Anwendung ist sehr einfach) und mit geringem Verletzungsrisiko verbunden (akute Verletzungen oder chronisch-degenerative Veränderungen). Die quantitative Rückmeldung durch die Schrittzähler wirkt motivierend [14] und hilft, Fehleinschätzungen bezüglich der eigenen Bewegung zu korrigieren. Die Nutzung des Schrittzählers kann zu besseren Sozialkontakten mit Familienmitgliedern, Nachbarn oder Freunden führen, mit denen die Spaziergänge unternommen werden, oder die z. B. bei abendlichen Spaziergängen im Wohnviertel getroffen werden. Die Außenaktivität führt zu vermehrter Lichtexposition und könnte auch darüber antidepressiv wirken. Die durch Spaziergänge ermöglichte aktivere Wahrnehmung tagesoder jahreszeitlicher Wechsel kann zu einer optimierten chronobiologischen Anpassung und besseremNachtschlaf führen. Die Zeit beim Spaziergang gibt Zeit zum Nachdenken, zum Ordnen der abgelaufenen oder zum Planen der nächsten Tage. Die bislang lästigen Wege zum Briefkasten oder zum ungünstig gelegenen Parkplatz werden jetzt mit Freude zurückgelegt, weil sie helfen, das Tagesziel zu erreichen. Damit wirken Spaziergänge entspannend. Bei Patienten mit zu geringen Aktivitäten oder fehlender Tagesstruktur kann die Bewegung aktivierend und tagesstrukturierend wirken. Der Einsatz von Schrittzählern hat eine gewisse Parallelität zu den günstigen Einflüssen von Haustieren, insbesondere Hunden, die ebenfalls zu Spaziergängen und körperlicher Bewegung anregen [9, 13]. Aber sind durch Schrittzähler motivierte Spaziergänge wirklich wirksam? Zur gesundheitsfördernden Wirkung von Schrittzählern liegen inzwischen Kohortenstudien sowie randomisierte kontrollierte Interventionsstudien vor. Die Nakanojo-Studie (Kohortenstudie) findet einen Zusammenhang zwischen Gesundheit und Schrittzahl. Für körperliche Gesundheit sind mehr Schritte notwendig als für geistige Gesundheit. Bei Männern ist allerdings eine metabolische Aktivität, die mindestens dreifach über der metabolischen Grundaktivität liegt, wichtiger als die tägliche Schrittzahl [2, 3]. Wenn sich diese Zusammenhänge in unabhängigen Studien bestätigen, dann sollten gerade Männer Wegstrecken mit Steigungen wählen oder zwischendurch straffer Gehen. Die Walking-for-Wellbeing-inthe-West-Studie (randomisierte kontrollierte Interventionsstudie – RCT) findet nach 12 Wochen Schrittzähler-Intervention positive Effekte auf die Stimmung [4], die auch nach längerer Zeit erhalten bleiben [7]. Laufen hat positive kardiovaskuläre Effekte [12]. Eine Metaanalyse der bislang vorliegenden Kohortenund Interventionsstudien belegt, dass der Gebrauch eines Schrittzählers die Schrittzahl steigert und zu geringerem BMI sowie systolischem Blutdruck führt [5]. Die Formulierung eines Ziels, z. B. 10000 Schritte pro Tag, erhöht die gelaufene Schrittzahl [5]. Allerdings ist das häufig formulierte Ziel von etwa 7000–10000 Schritten pro Tag [6, 15] typischerweise nicht durch die tägliche Routine allein zu erreichen. Es bedarf gezielter zusätzlicher Aktivitäten und einer bewussten Investition von Zeit in die körperliche Bewegung. Aufgrund der geschilderten Überlegungen und Datenlage bieten wir unseren Patienten zusätzlich zum regulären physiotherapeutischen Angebot Schrittzähler an und empfehlen den weiteren Gebrauch nach Entlassung.

DOI: 10.1055/s-0032-1325380

Cite this paper

@article{Kornhuber2012MorePA, title={[More physical activity: pedometers for our patients].}, author={Johannes Kornhuber}, journal={Fortschritte der Neurologie-Psychiatrie}, year={2012}, volume={80 10}, pages={559} }