Liebe Kolleginnen und Kollegen,

  • Unsere Kompetenz
  • Published 2011 in Der Schmerz

Abstract

in der vierten Ausgabe von „Gesundheitswesen aktuell“ widmen sich Ursula Marschall und Helmut L ́hoest einem Dauerbrenner: der „Opioidtherapie in der Versorgungsrealität“ (Barmer GEK Gesundheitswesen aktuell. Hrsg.: U. Repschlager, C. Schulte, N. Osterkamp, Seiten 242-268). Mit Hilfe von Routinedaten gelingt ihnen ein spannender Einblick in altersund geschlechtsspezifische Besonderheiten bei der Opioidverordnung ebenso wie das Verhältnis der Verschreibung beim Tumorund NichtTumorschmerz. Für die Auswertung wurden ambulante und Arzneimitteldaten der Jahre 2006 bis 2010 ausgewertet. Um die Schmerzpatienten zu identifizieren, wurde eine Segmentierungsanalyse durchgeführt, die schließlich zu 9 verschiedenen Schmerztypen zusammengeführt wurden. Aus der Fülle der Daten möchte ich an dieser Stelle nur ein paar Zahlen pointiert herausstellen, dem Interessierten sei die Lektüre dieses aufschlussreichen Beitrags ans Herz gelegt. F Patienten mit Nicht-Tumorerkrankungen erhalten im Jahresvergleich zunehmend weniger Verordnungen von Medikamenten der WHO-Stufe II (4,44 Prozent im Jahr 2006; 4,21 Prozent im Jahr 2009), während sich der Anteil der Patienten mit Verordnungen von starken Opioiden der Stufe III von 0,75 im Jahr 2006 auf 1,01 Prozent im Jahr 2009 erhöht. Als Gründe hierfür werden vor allem steigende Verordnungszahlen der Präparate Oxycodon und Hydromorphon genannt, während Morphinpräparate und Fentanyl nur geringe Steigerungszahlen verbuchen. F Bei allen Schmerztypen werden mehr Stufe II als Stufe III Medikamente verordnet, nur bei Tumorerkrankungen werden deutlich mehr Stufe III-Medikamente verordnet. Auffällig ist ein relativ hoher Verordnungsanteil bei Kopfschmerzen (Stufe II: 15,9 Prozent; Stufe III: 7,5%) und unspezifischen Rückenschmerz (Stufe II: 13,1 Prozent; Stufe III: 4,8 Prozent). F 16 Prozent der BARMER-Versicherten (etwa 1,07 Millionen) wiesen neben einem Schmerztyp eine psychische Komorbidität auf. 320.000 Versicherte mit einer solchen Komorbidität konnten keinem Schmerztyp zugeordnet werden. Von diesen erhielten dennoch 1,3 Prozent Stufe II und 0,4 Prozent Stufe III Medikamente. F Für Opioidverordnungen sind den gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2009 Gesamtkosten von über 1,88 Millarden Euro angefallen. Tagesdosiskosten von 1,20 Euro für Stufe II Medikamente stehen dabei 5,92 Euro für Stufe III gegenüber. Das transdermale Fentanyl stand 2009 mit Abstand an der Spitze der meistverordneten Stufe III Medikamente. F Der ICD-Kode F45.41, der eine chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren kennzeichnet, wurde bei 4 Prozent der BARMER-Versicherten vergeben – überwiegend durch Fachärzte für Anästhesie. 53 Prozent der Anästhesisten verordneten dabei Stufe II, 62 Prozent Stufe III Medikamente. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass der ausgeprägte Patientenwunsch nach effektiver Schmerzlinderung die Ärzte oft unter erheblichen Druck setzt: „Unter der Vorstellung, dass starke Schmerzmittel geeignet sind, starke Schmerzen unabhängig von ihrer Grunderkrankung zu lindern, werden vor allem Analgetika der Stufe III auch bei nicht opioid-sensiblen Schmerzen eingesetzt.“ Sie fordern mehr Versorgungsforschungsprojekte, in denen Primärdaten (z.B. aus KEDOQS – Anm. des Verfassers) mit Sekundärdaten (z.B. Routinedaten von Krankenkassen) kombiniert werden. Solange diese nicht verfügbar sind, müssen wir weiter mit dem verfügbaren Wissen verantwortungsbewusst umgehen. In den USA hat die Zahl der Patienten, die wegen einer unbeabsichtigten Opioid-Überdosierung verstarben, mit 10.500 die Zahl der Todesfälle durch Kokainund Heroinüberdosierungen mittlerweile übertroffen (S. Okie: A flood of opioids, a rising tide of deaths. New England Journal of Medicine 2010, 363: 1981-1985). Dem gegenüber stehen die Todesfälle durch die Nebenwirkungen der Nicht-Opioid Analgetika. Das alles macht deutlich, wie wichtig rationale und Verbände-übergreifende Zusammenarbeit ist. Die gemeinsame Stellungnahme von DGS, DGSS und BVSD zur Langzeittherapie nicht-tumorbedingter Schmerzen mit Opioiden ist im letzten Monat erschienen (http://www. aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel. asp?id=97261) und wird hoffentlich dazu beitragen, dass einige im „Gesundheitswesen aktuell“ geschilderte Missstände zukünftig weniger häufig vorkommen. Trotzdem reicht die Datenlage noch bei weitem nicht aus und die Forderung von sich Ursula Marschall und Helmut L ́hoest nach mehr qualitativ hochwertigen Versorgungsforschungsprojekten ist uneingeschränkt zu unterstützen!

DOI: 10.1007/s00482-011-1095-3

Cite this paper

@article{Kompetenz2011LiebeKU, title={Liebe Kolleginnen und Kollegen,}, author={Unsere Kompetenz}, journal={Der Schmerz}, year={2011}, volume={25}, pages={572-575} }