Die Tuberkuloseschutzimpfungen in LÜbeck

Abstract

Die Tuberkulose, jene furchtbare GeiBel der Menschheit, dutch Schutzimpfung zu bek~mpfen, ist ein Ziel, h6chster Anstrengungen weft. Neben dem unsterblichen Entdecker des Tuberkelbacillus, R. KOCH, finden wit, um nur dell Namen des zweiten, ganz groBen Tuberkuloseforschers zu nennen, tL. v. BEHRING auf dem Kampfplatz. ]3eide M~nner ~erwendeten unermfidliche Forscherarbeit zun~tchst auf die 13ek~tmptung der Rindertuberkulose durch Schutzimpfung; beide gingen schon hier yon dem gleichen Grundsatz aus, durch Infektion mit einem nahezu avirulenten Tuberkulosematerial, wie es nach den Forschungen yon TI:. SMITH und R. KOCH die Tuberkelbacillen des humanen Typus schon genuin ffir das Rind sind, eine Immunit/~t gegen die Ansteckung mit den virulenten Rindertuberkelbacillen zu erzeugen. Die Richtigkeit dieser l?berlegungen hat sich in zahlreichen Tierversuchen herausgestellt. Die Ursache, an der die praktische Anwendung des , ,Tauruman" und des , ,Bovovaccin" scheiterte, ist bekannt: die einverleibten humanen t3acillen halten sich, ohne das Rind selbst krank zu machen, im K6rper und khnnen noch nach Jahren mit der .Milch ausgeschiedei1 werden. Trotz aller 13elnfihungen der Tuberkuloseforscher der ganzen Welt ist das Wesen der Immuni t~t gegen Tuberkulose noch nicht eindeutig gekl~rt. Nach Ansicht der erfahrensten Sachkenner beherrscht auch heute noch der Begriff der ,,Infektionsimmunit~t" (UHLENI:UTH) den Vorgang des Tuberkuloseschutzes oder, vorsichtiger ausgedrfickt, der Tuberkuloseresistenz. Die weltbekannten, nunmehr schon auf mehr als 2 Jahrzehnte zuriickgehenden Forschungen CALMETTES und seines Liller Mitarbeiters GUI~RIN bewegen sich auf gleichem Boden. Auch ihrem Verfahren liegt die Einverleibung eines lebenden, abet avirulenten Infektionsstoffes, des 13acillus CalmetteGu6rin (BCG), zugrunde, n/~mlich die Verimpfung des seit je tz t 12 Jahren immer wieder auf gallehaltigen KartoJ]elndhrbSden geziichteten und dadurch seiner urspri~nglich hohen Virulenz bcraubten bovinen Tuberkelbacillenstammes ,,lair de 1Vocard", der am 8. Januar 19o8 zum ersten Male auf die Gallekartoffel gebracht wurde. Nachdem die Avirulenz dieses Stammes geniigend ,,stabilisiert" und seine immunisierende Wirkung im Tierversuch hinreichend festgestellt erschien, ging CALM~TTE im Jahre 1921 daran, zun~chst vorsichtig tastend, den ImpfstofI 13CG an Kindern zu erproben. Entsprechend seiner Ansicht, dab auch ftir die spontane Tuberkuloseinfektion die Eintr i t tspforten auf dem Wege des Magen-Darmkanals liegen, n immt er die Einverleibung per os (3real je io rag) vor. Da ferner der Schutz zeitlich der erstm6glichen Infektion vorausgehen muB, impft er, die Durchli~ssigkeit der Darmschleimhaut zu jener Zeit ausnutzend, schon in den allerersten Lebenstagen und bewahrt die durch tuberkulSses Milieu gef~hrdeten Neugeborenen durch Isolierung davor, sich noch vor Ausbildung des Impfschutzes rnit virulenten Bacillen aus der Umgebung zu infizieren. Von Jahr zu Jahr steigt die Zahl d e r m i t BCG geimpften S~uglinge an. Die h6chste Zahl (heute fiber 242 ooo) geimpfter S~tuglinge weist naturgem~B Frankreich auf. In den Frankreich mehr oder weniger nahestehenden L~tndern wird yon der Impfung in immer grSBerem MaBstab Gebrauch gemacht. Heute liegen wohl an 35oo0o--4ooooo 13CG-Schutzimpfungen vor. Schon jeder Laie muB sich angesichts dieses imponierenden Zahlenmaterials sagen, dab unmittelbare Sch~digungen durch die Impfung, wie sie dutch eine genuine Virulenz des Impfstoffes oder durch ein Virulentwerden des 13CG im Kinderkhrper verursacht werden k6nnten, ausgeschlossen sein miissen. Selbst wenn solche Sch~digungen nur bet dem 13ruchteil yon i % der Geimpften aufgetreten w/~ren, wiirde sich eine Zahl yon 35oo--4ooo FMlen ergeben. Eine derartige Zahl unerfreulicher u w/ire nicht zu verschweigen gewesell und h:ttte dem VerfahreI1 den TodesstoB versetzen mfissen. In Wirklichkeit fallen aber die vereinzelten, angeblichen Sch/idigungen demgegenfiber nicht ins Gewicht. Sie halten auch in der Mehrzahl einer strengen tCritik nicht stand. Selbst LIGNI~R~S, auf Grund seiner Wersuche und der ]3eobachtung an 3 Fiillen der hartnliekigste Gegner CALMETTES, hiilt die 13CG-Schutzimpfung bei hochgradig tuberkulosegef~ihrdeten S~iuglingen fiir zul~issig, fordert aber bei den Geimpften die Fernhal tung jeder weiteren Infektionsgefahr, da er yon Grad und Dauer des Schutzes nicht rol l iiberzeugt ist. Die Impfung gesunder Kinder und die Massenimpfung aller Kinder verwirft er. In Deutschland und (hsterreich war bis in die letzte Zeit trotz aller aus dem Auslande stammenden gtinstigen 13erichte -zum mindesten, was die GeJahr derlmpfung betriff t -yon autor i ta t ivster Stelle, n/~mlich dem Reichsgesundheitsrat, Vorsicht und Zurtickhaltung empfohlen worden*. In: Ausland (AscoLI) wunderte man sich schon darfiber, dab die ]3CG-Schutzimptung in diesen Staaten noch so wenig Eingang gefunden habe. Daffir wurden aber in Deutschland in verschiedenen, yore Reichsgesundheitsrat beauftragten Laboratorien eingehende Tierversuche ausgeffihrt. Selbstverst~ndlich ha t gerade auch die Frage der Gef~hrlichkeit oder, mit anderen Worten, der dauernden Avirulenz des 13CG besondere 13eachtung nnd 13earbeitung gefunden. Neben dell Versuchen yon 13R. LANGE und LYDTIN im Ins t i tu t R. KocH, yon SCHLOSSMANN in Dfisseldorf (abet auch yon R. KRAUS, yon JENSEN, M6RcI~ und OERSKOV U. a.) darf ich wohl auch meine eigenen Untersuchungen mit CLAIhBERa nennen. Uns war die Sonderaufgabe zugefallen, an mit betr/~chtlichen Mengen yen 13CG geimpften Meerschweinchen durch absiehtliche Schi~digung der Tiere (Mischinfektion, Toxinzufuhr, Avitaminose, Erk/~ltungen usw.) die Widerstandskraft kfinstlich herabzusetzen nnd dadurch die Bedingungen ftir eine Virulenzzunahme der Calmetteschen 13acilJen mhglichst gfinstig zu gestalten. Wie unsere Versuche eindeutig ergaben, gelang es uns nicht, selbst unter diesen disponierenden Yerh/tltnissen, eine Virulenzzunahme zu erzwingen. u den tierexperimentellen Immunisierungsergebnissen genfige es, hier zu sagen, dab sie zum Teil sehr gfinstig (so z. t3. I. Reihe yon TSCltECHNOWITZER, neuerdings GRIFFITtt) in fiberwiegendem MaBe aber nut im Sinne einer Resistenzsteigerung ausgefallen sind (13R. LANGE und LYI)TIN an Meerschweinchen, K~lbern und Hammeln, Verf. an K~tlbern u. a.). Nur die so giinstigen 13efunde WILBERTS an AJJen konnten won SCI-ILOSSMANN, GIRIFFITH und auch yore Verfasser bisher nicht best/~tigt werden. Abet bei Iceiner dieser Untersuehung war eine Schddigung durch die ImpJung an sich zutage getreten. Wie ein ]31itzschlag aus heiterem Himmel trafen daher vor kurzem die alarmierenden Nachrichten aus Lfibeck ein. Auf eine an das Reichsgesundheitsamt gerichtete 13itte um Entseno dung eines SachverstAndigen wurde ich nach Lfibeck beordert. Die Erhebungen und Nachforschungen dort machte ich in den beiden ersten Tagen in Gemeinschaft mi t Prof. BR. LAXGE yore Inst i tut ROBERT KOCH, an den 3 folgenden Tagen allein. * Klin. Wschr. 19-27, 572.

DOI: 10.1007/BF01737577

Cite this paper

@article{Lange2005DieTI, title={Die Tuberkuloseschutzimpfungen in L{\"{U}beck}, author={Prof. Dr. Ludwig Lange}, journal={Klinische Wochenschrift}, year={2005}, volume={9}, pages={1105-1108} }