„Die Informationsgesellschaft: Deutsche Rahmenbedingungen, deutsche Hemmungen”

Abstract

Es ist wie ein Hurrikan: Der Sturm der Begriffe – sie heißen Informationsgesellschaft, Datenautobahn, Cyberspace, Multimedia – knickt Laternenpfähle wie Zündhölzer. Und nach jeder Welle der Zerstörung pirschen sich die Profiteure und Plünderer heran: Computer-Charlatane, die eine Mutation der Menschheit prophezeien; Medienmoralisten, die ihren Haß gegen die Masse und deren Kultur ausleben; Agenturfritzen, die vorsichtigen Mittelständlern sauteure Investitionen einreden. Gründerzeit; in den USA kaufen Schnapsmanager für Riesensummen Filmfirmen und in Europa verkrallen sich untergangssüchtige Kulturkritiker in euphorisierte Technokraten.Alle nur Nonsens, Salbader, Neuralgien morgens, Halluzinationen abends? Kein Zweifel, daß sich besserverdienende Dreitagesbärte, postmoderne Blender und coole Abzocker die Bälle zuspielen.Aber das heißt nicht, daß die Telematik unser Leben unberührt ließe. Die Umstellung unserer Zivilisation von analog auf digital wird das, was wir bisher „Industriegesellschaften“ genannt haben – wenn auch nicht auf einen Schlag – ziemlich radikal verändern. Zum Beispiel so: – Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete vor einiger Zeit, daß in den USA Fotostudios angeboten werden, die „der privaten Geschichtswerkstatt ganz neue Dimensionen eröffnen. Haben Sie alte Fotografien, von denen Sie gerne eine Person entfernen möchten, die Ihnen nicht mehr so viel bedeutet? Wer mag, kann sich mit Menschen, die er nie getroffen hat, an Orten abbilden lassen, an denen er nie gewesen ist“. Mann nennt das Verfahren „computer imaging“. – Ein anderes Problem schildert der Familientherapeut Wolfgang Bergmann. Es handelt von dem lernschwierigen Kind Roland, von dem es heißt:„Kein Druck, keine Ermahnung, keine Zensuren, weder Liebe noch Strenge bringen ihn von dem ab, was ihm wirklich wichtig ist“.Wichtig ist ihm seine Baumhütte, in der er aber nicht Winnetou und Indianer Jones spielt, sondern einen Laptop, Gameboys und einige an dere Geräte aufgehängt hat. Roland, so schildert Bergmann, befindet sich in einem unaufhörlichen Computerwettstreit, der keine Grenzen kennt und der quer über die ganze Welt reicht. Sein „Eintauchen in abstrakte Wirklichkeiten, die sich

DOI: 10.1007/s002870050122

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@article{Glotz1999DieID, title={„Die Informationsgesellschaft: Deutsche Rahmenbedingungen, deutsche Hemmungen”}, author={Peter Glotz}, journal={Informatik-Spektrum}, year={1999}, volume={22}, pages={37-40} }