Der orale Glukosetoleranztest (oGTT) in der Schwangerschaft

Abstract

Die Diagnose des Gestationsdiabetes (GDM) erfolgt in der Regel mit einem oralen Glukosetoleranztest (oGTT). Während in den USA nach Vorschlägen der „National Diabetes Data Group“ (NDDG) vorwiegend ein umständlicher 100-g-3-h-Zweistufentest und dessen Modifikationen Anwendung finden, den 30 % der Schwangeren nach dem 50-g-Vorscreening ablehnen, wird in Europa häufig der einfachere 75-g-2-h-Einstufentest und dessen Modifikationen nach Vorschlägen der WHO angewendet. Daneben gibt es noch eine Reihe anderer etablierter Tests. Die Unterschiede der Tests betreffen die Glukosemenge der Belastung, die Zeitpunkte der Glukosebestimmung, die Dauer des Tests, die Höhe der Grenzwerte, die Anzahl der Grenzwerte die überschritten werden müssen und die Blutfraktion zur Glukosebestimmung. Ein Vergleich der Tests ist daher schwer möglich. Zur Zeit gibt es weltweit Bemühungen den Glukosetoleranztest zu vereinfachen und zu vereinheitlichen. Der Wechsel von einer Methode zur anderen wird durch die Kenntnis von Vergleichsdaten erleichtert. Dabei muß beachtet werden, daß sich die Stoffwechselreaktionen in der Schwangerschaft spezifisch von jenen außerhalb der Schwangerschaft unterscheiden. Eine unterschiedliche Glukosemenge zwischen 50 und 100 g bei der Belastung hat einen geringeren Einfluß auf die Ergebnisse des oGTT als eine unterschiedliche Gestationszeit. Dies gilt insbesondere für den 1-h-Wert und für GDM. Eine Belastung mit 50 g entspricht jedoch einer Unterbelastung von Schwangeren > 90 kg. Die Belastung mit 100 g hingegen entspricht einer Überbelastung von Schwangeren < 50 kg und führt gehäuft zu Erbrechen. Die Belastung mit 1 g/kg ist logisch fundiert jedoch umständlich. Die Belastung mit 75 g erscheint als günstigste Kompromißlösung. Die mittleren Blutglukosewerte nach Belastung verlaufen während der Schwangerschaft biphasisch mit einem Nadir zwischen der 20. und 23. Schwangerschaftswoche (SSW). Ein mütterliches Alter > 30 Jahre und eine Zwillingschwangerschaft haben einen negativen Einfluß auf die Glukosetoleranz. Wegen der peripheren Insulin-Resistenz in der Schwangerschaft, die bei Glukosetoleranzstörungen noch gesteigert ist, sind Glukosewerte in venösem Plasma und in Kapillarblut von GDM praktisch ident. Die Reproduzierbarkeit des oGTT nimmt nach der 24. Woche zu und ist wegen der schwangerschaftsbedingten Stoffwechseldynamik vom zeitlichen Abstand zweier Tests abhängig, wobei der 1-h-Wert am besten reproduzierbar ist. Der Klinische Wert eines Tests beruht auf seiner Fähigkeit einen definierten Endpunkt vorherzusagen. Sowohl die NDDG Kriterien als auch die WHO-Kriterien beinhalten Daten von Nicht-Schwangeren und verwenden als Endpunkt und Qualitätskontrolle ihrer Grenzwerte die spätere Manifestation eines Diabetes. Dieser Endpunkt ist für den Geburtshelfer wenig relevant, da er mehr an der Vorhersage der unmittelbaren geburtshilflichen Komplikationen interessiert ist. Dementsprechend haben die meisten Kriterien eine zu niedrige Sensitivität für eine unmittelbare fetale Gefährdung. Die Grazer Grenzwerte wurden anhand des Fetus als Sensor austitriert, wobei als Endpunkt ein fetaler Hyperinsulinismus galt. Die höchste Sensitivität für einen fetalen Hyperinsulinismus hat der 1-h-Wert. Dieser ist auch am besten reproduzierbar, in venösem Plasma und Kapillarblut gleich hoch, und von der Glukosemenge bei der Belastung kaum beeinflußt. Ab einem 1-h-Wert von 160 mg/dl (8,9 mM) kann ein fetaler Hyperinsulinismus entstehen. Daraus ergibt sich ein einfacher und billiger 75-g-1-h-Einstufentest aus Kapillarblut mit einem Grenzwert von 160 mg/dl (8,9 mM), der die Kompliance der Patientin und des Arztes sowie die Ressourcen nicht überfordert.

DOI: 10.1007/s001290050219

Cite this paper

@article{Weiss1998DerOG, title={Der orale Glukosetoleranztest (oGTT) in der Schwangerschaft}, author={Peter Meghan Weiss}, journal={Der Gyn{\"a}kologe}, year={1998}, volume={31}, pages={12-24} }