Buchbesprechungen – Aus den Medizinischen Universitäten – Kongressankündigungen

  • Published 2006 in Wiener Medizinische Wochenschrift

Abstract

Ein handliches, kompaktes Buch mit geheimnisvollem Cover öffnet sich und präsentiert ein akribisch gegliedertes Inhaltsverzeichnis. Was auf den ersten Blick mit den vielen Details unübersichtlich wirkt, offenbart sich bei der Lektüre als leserfreundlich kurz portionierte fachspezifische Information, die einen in ihrer Zweigleisigkeit mit Fallberichten und einer laufenden Vorlesung in den Bann zieht. Ein besonderer Genuss ist die Lektüre am prasselnden Kaminfeuer, während draußen im klirrend kalten Winter lediglich die Eisbären Freude hätten. Das Buch versetzt den neurologisch kundigen Leser zurück in die eigene Ausbildungsvergangenheit, ja es führt in seinem zweiten Strang der „Vorlesung für alle Fakultäten“ von einem fiktiven Professor noch viel weiter in die europäische Medizinhistorie zurück, um letztlich die Wurzeln der heutigen ganzheitlichen Lehrmeinung in Diagnostik und Therapie der Neurologie zu erkunden. Kenntnisse und Fertigkeiten der Nervenfachärzte, die den heutigen Menschen selbstverständlich scheinen, mussten mühsam und unter zahllosen Opfern erarbeitet werden, abstruse Theorien behaupteten sich ebenso wie rationale Hypothesen und bestanden oft lange Zeiträume nebeneinander. Die Auswirkungen dieser konkurrierenden Konzepte leben zum Teil noch bis heute hartnäckig im medizinischen Laienwissen fort und bringen einen gut ausgebildeten Neurologen in der Kommunikation mit seinem Patienten oft zur Verzweiflung. Aus dem fiktiven Professor spricht eine solide neuroanatomische Grundausbildung, die auch beim Leser eine entsprechende Kenntnis und Terminologie (leider ohne Glossar für den Laien) voraussetzt. Fast könnte man die neuroanatomische Brille, mit der der fiktive Vortragende die präsentierte neurologische Medizingeschichte sieht, für eine „deformation professionelle“ halten, wenn nicht der neuroanatomische Jünger durch die Fallberichte sachte zu einer eher ganzheitlichen Sicht der Nervenkrankheiten bekehrt würde. Was bis vor kurzem nicht in neurologischen Lehrbüchern, Fachzeitschriften oder Kompendien stand, nämlich die Auswirkungen von Erkrankungen des Nervensystems auf das Individuum, seine Familie und sein Schicksal, lassen fiktiver Professor und Erzähler sukzessive vor dem Auge des Lesers Gestalt annehmen. Ob man es nun „coping“-Prozess oder psychosoziale Folgen nennt, ist letztlich egal der Leser lernt aber, dass neben der Neuroanatomie und -physiologie auch die Krankheitsfolgen für den Patienten wie auch den Arzt zählen. Die am häufigsten zitierten Worte in diesem Buch sind „Leben“ und „Liebe“ und zeigen damit, wie sehr dem Autor sein Fach und die Hingabe zum neurologisch leidenden Menschen ein Anliegen sind. Wortgewaltig führen die beiden Handlungsstränge, nämlich eine perlschnurartige Aneinanderreihung von Kasuistiken und die fraktioniert gehaltene Vorlesung für alle Fakultäten, den Leser zum finalen Höhepunkt. Ohne allzu viel vorwegzunehmen besteht dieser aus einem Geflecht an stoischer Erkenntnis und Läuterung zur emotionalen Wahrhaftigkeit des fiktiven Erzählers. Dieser ist ein selbst an CIDP erkrankter Arzt in mittleren Jahren, der bereits an verschiedenen österreichischen Orten seine Berufslaufbahn verbrachte und dort die Menschen und die Auswirkungen neurologischer Erkrankungen auf sie aufmerksam beobachtete. Durch die chronisch neurologische Erkrankung zu häufigen Aufenthalten an der Wiener Universitätsklinik für Neurologie gezwungen, entdeckt er die Besonderheit von Nervenkrankheiten mit ihrer gewaltigen schicksalsformenden Kraft. Mit der Erkenntnis „die Eile ging, als die Krankheit kam“ nimmt er sich seiner „peer group“, der neurologischen Patienten an und erzählt tagebuchartig ihre Lebensgeschichten. Es öffnet sich in buntes Kaleidoskop archetypischer Schicksale, wie sie jeden mitfühlenden Nervenarzt begleiten. Zuletzt wird er geheilt und bestärkt, aufgrund seiner Erfahrungen, einen jungen Ausbildungsassistenten im Festhalten an der Liebe zum Beruf und zu den Menschen. Die Liebe scheint das einzige Rezept zu lebendigem und erfülltem Menschenund Berufsleben zu sein. Für Nervenärzte mit Wurzeln an der Universitätsklinik für Neurologie Wien wird die Lektüre des Buches ein großes Vergnügen mit vielen guten Reminiszenzen sein, für andere Nervenärzte ein spannender Einblick in eine traditionsreiche Forschungsund Ausbildungsinstitution. Leider hat die Zeit mit vielen politisch motivierten Umstrukturierungen diesen lebendigen Organismus der Wiener Universitätsklinik sehr zerzaust und verändert, sodass diesem Buch schon fast wieder historische Bedeutung zukommt. Abgesehen von Neurologen wünscht man diesem Buch auch viele Laieninteressenten, weil die Botschaften allgemeingütig und die Fallberichte kostbar wie Edelsteine sind. Der zweigleisige und stark verdichtete Gedankenstrom dieses mit Herzblut geschriebenen Buches wird durch ein Namens-, ein Sachund ein umfangreiches Literaturverzeichnis ergänzt, sodass der Leser auch die Quellen der historischen Konzepte einsehen kann. Elisabeth Fertl, Wien

DOI: 10.1007/s10354-006-0362-x

Cite this paper

@article{2006BuchbesprechungenA, title={Buchbesprechungen – Aus den Medizinischen Universit{\"a}ten – Kongressank{\"{u}ndigungen}, author={}, journal={Wiener Medizinische Wochenschrift}, year={2006}, volume={156}, pages={658-661} }